Auf ein Wort

Pausenzeit: Sommer, Sonne, Seligkeit

Es gibt diesen einen Moment im Sommer, den ich jedes Jahr aufs Neue genieße. Ich sitze draußen, ein Spaghetti-Eis vor mir oder ein Aperol in der Hand, die Sonne liegt warm auf meiner Haut, irgendwo summt eine Biene, und ich merke: Nichts brennt gerade. Niemand braucht etwas von mir. Und für einen kurzen Augenblick denke ich: Genau so soll das sein.

Ich glaube, der Sommer hat ein Talent dafür, uns zu erinnern, dass Pause kein Luxus ist, sondern eine Notwendigkeit. Nicht nur körperlich, sondern tief innen drin.Im 23. Psalm heißt es: „Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser." Ein Bild von Ruhe. Von jemandem, der sich setzen darf. Der nicht mehr rennen muss. Kein Bild von Leistung, kein Bild von Pflicht. Einfach nur: ankommen.

Und doch fällt uns das so schwer. Ich kenne das aus meinem eigenen Alltag gut. Der sieht nämlich meistens weniger nach Predigt und Kerzenschein aus, als man vielleicht denkt. Viel öfter sitze ich vor einem vollen Mailpostfach, arbeite Verwaltungsvorgänge ab, schreibe Berichte, die niemand romantisch findet, und versuche dabei den Überblick zu behalten. Das ist echter Alltag und der macht auch müde.Genau deshalb ist der Sommer so wichtig. Er schiebt sich einfach dazwischen. Er macht es einem leichter, mal "Nein" zu sagen, den Laptop zuzuklappen, draußen zu sitzen und das Eis schmelzen zu lassen, bevor man fertig ist. Ein Buch aufzuschlagen, das seit Monaten ungelesen in meinem Kindle ist. Einen Aperol in der Abendsonne zu trinken und einfach nur da zu sein, ohne Agenda, ohne nächsten Punkt auf der Liste.

Und jetzt eine ehrliche Frage an dich: Wann hast du das zuletzt wirklich getan? Nicht die schnelle Pause zwischen zwei Terminen. Nicht das kurze Durchatmen auf dem Weg zum nächsten Telefonat. Sondern echte Stille. Ein Nachmittag, der niemandem gehört außer dir selbst?

Was ich dabei immer wieder lerne: Pausieren will geübt werden. Nicht produktiv pausieren, also nicht die Pause mit heimlichem schlechten Gewissen absolvieren, sondern wirklich ankommen. Den Moment lassen, was er ist. Die Sonne spüren, ohne schon an den Herbst zu denken. Das Buch lesen, ohne dabei an die ungelesenen Mails zu denken.

Die Bibel nennt das an vielen Stellen Seligkeit, dieses Beisichsein, dieses Ankommen. Ich übersetze das gerne ganz bodenständig: Seligkeit ist, wenn du kurz aufhörst, dich selbst zu überreden, dass du noch nicht genug getan hast. Dass du erst Pause verdienen musst. Das stimmt nämlich nicht. Ruhe ist kein Verdienst. Sie ist ein Geschenk, das wir auch annehmen dürfen.In diesem Sinne wünsche ich dir einen Sommer, der genau das bringt. Momente auf der grünen Aue. Frisches Wasser für die Seele. Ein gutes Buch. Und vielleicht auch einfach ein Spaghetti-Eis oder einen Aperol in der Sonne, ohne schlechtes Gewissen.

Herzlich, Ihre Pastorin
Deborah Siemermann

Pastorin

Deborah Siemermann